Gericht/Institution:EuGH
Erscheinungsdatum:05.09.2019
Entscheidungsdatum:05.09.2019
Aktenzeichen:C-443/18
Quelle:juris Logo

Maßnahmen gegen Pflanzenbakterium Xylella fastidiosa in Italien unzureichend

 

Der EuGH hat entschieden, dass Italien seine Verpflichtung verletzt hat, Maßnahmen zu ergreifen, um die Ausbreitung des Bakteriums Xylella fastidiosa zu verhindern, das zum Absterben vieler Pflanzen, insbesondere von Olivenbäumen, führen kann.

Xylella fastidiosa (im Folgenden: Xylella) ist ein Bakterium, das viele Pflanzen befällt und ihr Absterben durch Austrocknung verursachen kann. Dieses Bakterium wurde in Europa erstmals im Jahr 2013 an Olivenbäumen (Olea europaea L.) in der Region Apulien (Italien) beobachtet. Wissenschaftliche Daten haben gezeigt, dass die Ausbreitung von Xylella wesentlich von bestimmten Insekten abhängt, die sich innerhalb von nur zwölf Tagen um fast 100 Meter weiterbewegen können und auf diese Weise als Überträger des Bakteriums fungieren.

Im Jahr 2015 erließ die Kommission einen Beschluss (ABl. 2016, L 126, 77), mit dem sie die Mitgliedstaaten u. a. zu Maßnahmen zur Tilgung von Xylella verpflichtete, die in der unverzüglichen Entfernung sowohl der befallenen Pflanzen (insbesondere der Olivenbäume) als auch aller Wirtspflanzen – selbst wenn sie keine Befallssymptome aufwiesen – in einem Radius von 100 Metern um die befallenen Pflanzen bestanden, und zwar nicht nur in der Befallszone, sondern auch in der angrenzenden "Pufferzone". Im Jahr 2016 erklärte der EuGH, der mit einem Vorabentscheidungsersuchen befasst worden war, diese Tilgungsmaßnahmen für mit dem Unionsrecht vereinbar (EuGH, Urt. v. 09.06.2016 - C-78/16 und C-79/16 "Giovanni Pesce u.a."). In diesem Jahr konnte Xylella, das in bestimmten Teilen von Apulien seit mehr als zwei Jahren vorkam, nicht mehr getilgt werden. Daher änderte die Kommission ihren Beschluss und sah für dauerhaft befallene Gebiete ausnahmsweise Eindämmungsmaßnahmen anstelle von Tilgungsmaßnahmen vor. Die Eindämmungsmaßnahmen, mit denen die Ausbreitung von Xylella verhindert werden soll, umfassen die Überwachung des betroffenen Gebiets sowie die unverzügliche Entfernung nur der befallenen Pflanzen in einem 20 Kilometer breiten Streifen an der "Außengrenze" der Befallszone, d.h. in einem an die Pufferzone angrenzenden, die Provinzen Brindisi und Tarent von Osten nach Westen durchziehenden Streifen.
Im Jahr 2018 hat die Kommission beim EuGH die vorliegende Vertragsverletzungsklage erhoben. Sie legt Italien zur Last, ihrer Aufforderung, unverzüglich Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung von Xylella zu treffen, nicht nachgekommen zu sein; aufgrund des Fortbestehens der Vertragsverletzungen habe sich dieses Bakterium in Apulien stark ausgebreitet (das Bakterium Xylella hat sich inzwischen von der Provinz Lecce auf das gesamte Gebiet der benachbarten Provinzen Brindisi und Tarent ausgebreitet.).

Der EuGH hat entschieden, dass Italien bei Ablauf der von der Kommission gesetzten Frist, d.h. am 14.09.2017, zwei im Beschluss der Kommission aufgestellte Verpflichtungen nicht erfüllt hatte.

1. Nach Auffassung des EuGH hat Italien im Eindämmungsgebiet nicht für die unverzügliche Entfernung zumindest aller befallenen Pflanzen in dem an die Pufferzone angrenzenden 20-km-Streifen der Befallszone gesorgt. Es sei unstreitig, dass am 14.09.2017 im 20-km-Streifen 191 der insgesamt 886 ermittelten befallenen Pflanzen (d.h. fast 22%) noch nicht entfernt worden waren. Unstreitig sei auch, dass bis zur Entfernung der befallenen Pflanzen in diesem Streifen, wenn sie erfolgte, nach Feststellung ihres Befalls mehrere Monate vergingen. Der im Beschluss der Kommission enthaltene Begriff "unverzüglich" sei aber nicht mit einer Frist von mehreren Wochen oder sogar mehreren Monaten vereinbar. Zu den verschiedenen von Italien als Rechtfertigung angeführten materiellen, administrativen und rechtlichen Hindernissen sei darauf hinzuweisen, dass sich ein Mitgliedstaat nicht auf Umstände seiner internen Rechtsordnung berufen könne, um die Nichteinhaltung im Unionsrecht festgelegter Pflichten und Fristen zu rechtfertigen. Italien hätte somit zur Überwindung derartiger Hindernisse nationale Notfallmaßnahmen mit schnelleren Verfahren erlassen müssen.

2. Zudem habe Italien im Eindämmungsgebiet die Überwachung des Vorkommens von Xylella nicht durch jährliche, zu geeigneten Zeitpunkten im Verlauf des Jahres durchgeführte Erhebungen sichergestellt. Die Erhebung für das Jahr 2016 wurde von Italien in den Monaten August 2016 bis Mai 2017 durchgeführt. Selbst wenn, wie Italien geltend mache, das Vorkommen von Xylella ganzjährig erkannt werden könnte – was die Kommission bestreite, da Laubbäume im Winter keine Blätter hätten, die Befallssymptome aufweisen könnten –, schloss Italien die jährliche Erhebung nicht vor Frühlingsbeginn, also vor der Zeit, in der die Insektenvektoren von Xylella fliegen, ab, was es ermöglicht hätte, die befallenen Pflanzen rechtzeitig zu entfernen.

Dagegen hat der EuGH den Antrag der Kommission zurückgewiesen, eine anhaltende und generelle Verletzung der Verpflichtung Italiens festzustellen, die Ausbreitung von Xylella zu verhindern.

Die Pflichtverletzung soll darin bestehen, dass Italien das mit dem Beschluss der Kommission angestrebte Ergebnis, eine solche Ausbreitung zu verhindern, nicht erreicht habe. Damit habe Italiens nicht nur wiederholt die Verpflichtungen im Eindämmungsgebiet verletzt, sondern auch die Verpflichtungen – die Gegenstand des oben genannten Vorabentscheidungsersuchens waren – in Bezug auf die Tilgung des Bakteriums in dem die Befallszone und die Pufferzone umfassenden abgegrenzten Gebiet. Die Kommission habe nämlich die Verletzung dieser spezifischen Pflichten nicht nachgewiesen. Dafür reiche die bloße Feststellung der Ausbreitung von Xylella nicht aus. Infolgedessen habe die Kommission auch nicht nachgewiesen, dass Italien die Pflicht aus der Richtlinie 2000/29 (ABl. 2017, L 184, 33), alle zur Verhinderung der Ausbreitung des Bakteriums erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, oder die in Art. 4 des Vertrags über die Europäische Union verankerte Pflicht zu loyaler Zusammenarbeit verletzt habe.
juris-Redaktion

Quelle: Pressemitteilung des EuGH Nr. 106/2019 v. 05.09.2019


Das ganze Außenwirtschaftsrecht.
Auf einen Klick.

Die Leuchtturmtitel des juris PartnerModul Außenwirtschaftsrecht

juris PartnerModul Außenwirtschaftsrecht

Hilft dabei, die rechtlichen Änderungen im Blick zu behalten, und bietet Lösungen zu problematischen Einzelfällen in der Praxis.

Jetzt hier gratis testen!

Cookies erleichtern uns die Bereitstellung und Verbesserung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Webseiten erklären Sie sich einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Der Nutzung können Sie in unserer Datenschutzrichtlinie widersprechen.

Einverstanden
X